2026-01-15

Fachkräftemangel oder Bewerbermangel? Die unbequeme Wahrheit für Steuerkanzleien

Kaum ein Thema beschäftigt Steuerkanzleien aktuell so stark wie die Personalsituation. Offene Stellen bleiben monatelang unbesetzt, Bewerbungen bleiben aus, der Arbeitsdruck im Team steigt. Schnell ist die Erklärung gefunden: Fachkräftemangel. Ein leergefegter Markt, keine guten Leute mehr, schwierige Zeiten.

Die unbequeme Wahrheit lautet anders: Die Fachkräfte sind da. Sie sind nur nicht dort, wo die meisten Kanzleien nach ihnen suchen – und noch nicht zu dem Zeitpunkt bereit zu wechseln, zu dem eine Stellenanzeige online geht.

Warum Fachkräfte nicht fehlen, sondern falsch angesprochen werden

Gute Steuerfachkräfte sind heute meist nicht aktiv auf Jobsuche. Sie haben eine feste Anstellung, einen strukturierten Alltag und wechseln ihren Arbeitgeber nicht aus Langeweile. Ein Wechsel passiert dann, wenn sich in ihrer aktuellen Kanzlei etwas verändert – eine Auflösung, ein Verkauf, eine Fusion, eine altersbedingte Übergabe.

Wer erst dort ansetzt, wenn diese Fachkräfte bereits aktiv auf Indeed oder StepStone suchen, konkurriert um dieselben wenigen Menschen wie jede andere Kanzlei auch. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht „Wie erreichen wir die wenigen, die heute schon wechseln wollen?", sondern: Wo entsteht in den nächsten Monaten überhaupt neue Wechselbereitschaft?

Austauschbare Versprechen statt klarer Positionierung

Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, ein wertschätzendes Miteinander – all das liest man heute in nahezu jeder Stellenanzeige. Was früher ein echtes Argument war, ist längst Standard geworden. Das Problem ist nicht das Fehlen von Benefits, sondern ihre Austauschbarkeit.

Für Bewerber entsteht dadurch kein klares Bild. Sie haben nach kurzer Zeit das Gefühl, dass sich alle Kanzleien gleichen. Wer nicht zeigt, wofür er wirklich steht, wird als Option unter vielen wahrgenommen – oder gar nicht.

Der falsche Ort zur falschen Zeit

Selbst gut formulierte Anzeigen verpuffen häufig, weil sie Bewerber im falschen Moment erreichen. Steuerfachkräfte verbringen ihre Zeit im Büro, im Homeoffice oder privat auf dem Smartphone – nicht durchgehend auf Jobportalen. Wer nur hofft, gefunden zu werden, wird übersehen.

Moderne Mitarbeitergewinnung setzt deshalb nicht auf Warten, sondern auf gezielte, frühzeitige Präsenz genau dort, wo sich Wechselbereitschaft zuerst zeigt – lange bevor eine aktive Jobsuche beginnt.

Fazit: Nicht der Markt ist das Problem – sondern der Zeitpunkt

Der viel zitierte Fachkräftemangel ist oft ein Timing-Problem im eigenen System. Gute Steuerfachkräfte sind da. Kanzleien, die bereit sind, früher anzusetzen statt lauter zu werben, haben heute bessere Chancen denn je.

Wollen Sie das auch für Ihre Kanzlei?

Über den Autor: Tim Wöhler ist Gründer von Wöhler & Partner und Experte für strategisches Wachstum und Gewinnung qualifizierter Fachkräfte für Steuerkanzleien.

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