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Fachkräftemangel oder Bewerbermangel?

VGL Strahlenbach (11)

Die unbequeme Wahrheit für Steuerkanzleien

Kaum ein Thema beschäftigt Steuerkanzleien aktuell so stark wie die Personalsituation. Offene Stellen bleiben monatelang unbesetzt, Bewerbungen bleiben aus und der Arbeitsdruck im Team steigt. Schnell ist die Erklärung gefunden: Fachkräftemangel. Ein leergefegter Markt, keine guten Leute mehr, schwierige Zeiten. Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick – denn diese Erklärung greift zu kurz. Die unbequeme Wahrheit lautet: Bewerber sind da. Sie reagieren nur nicht mehr auf das, was Kanzleien ihnen anbieten – und wie sie es anbieten.

 

Warum Bewerber nicht fehlen – sondern Kanzleien falsch auftreten

Gute Steuerfachkräfte sind heute meist nicht aktiv auf Jobsuche. Sie haben eine feste Anstellung, einen strukturierten Alltag und wechseln ihren Arbeitgeber nicht aus Langeweile. Ein Wechsel passiert dann, wenn etwas nicht mehr passt – oder wenn eine Kanzlei es schafft, ein echtes Interesse zu wecken. Genau daran scheitern viele klassische Recruiting-Ansätze.

Stellenanzeigen werden veröffentlicht, monatelang online gelassen und dann als Beweis für den Fachkräftemangel herangezogen. Dabei liegt das Problem weniger an der Anzahl der Fachkräfte, sondern an der Art der Ansprache. Wer ausschließlich dort sucht, wo nur aktiv Suchende unterwegs sind, erreicht den Großteil der relevanten Zielgruppe schlicht nicht.

 

Austauschbare Versprechen statt klarer Positionierung

Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, moderne Technik, ein wertschätzendes Miteinander – all das liest man heute in nahezu jeder Stellenanzeige. Was früher ein echtes Argument war, ist längst Standard geworden. Das eigentliche Problem ist nicht das Fehlen von Benefits, sondern ihre Austauschbarkeit. Begriffe bleiben vage, Aussagen unkonkret, Unterschiede unsichtbar.

Für Bewerber entsteht dadurch kein klares Bild. Sie lesen viele Anzeigen – und haben nach kurzer Zeit das Gefühl, dass sich alle Kanzleien gleichen. Wer nicht zeigt, wofür er wirklich steht, wird als Option unter vielen wahrgenommen. Oder gar nicht.

 

Kanzleikultur lässt sich nicht auflisten

Ein Jobwechsel ist immer auch eine emotionale Entscheidung. Bewerber wollen wissen, wie geführt wird, wie Entscheidungen getroffen werden und wie sich der Kanzleialltag tatsächlich anfühlt. Genau das können klassische Stellenanzeigen kaum leisten. Sie zählen Aufgaben und Leistungen auf, erzählen aber keine Geschichte.

Moderne Bewerber vergleichen keine Bulletpoints mehr – sie vergleichen Eindrücke. Diese entstehen durch Sichtbarkeit, Einblicke und klare Kommunikation. Kanzleien, die sich zeigen, Haltung beziehen und ihren Arbeitsalltag nachvollziehbar machen, bleiben im Kopf. Alle anderen verschwinden in der Masse.

 

Der falsche Ort zur falschen Zeit

Selbst gut formulierte Anzeigen verpuffen häufig, weil sie Bewerber im falschen Moment erreichen. Steuerfachkräfte verbringen ihre Zeit im Büro, im Homeoffice oder privat auf dem Smartphone – nicht auf Jobportalen. Moderne Recruiting-Strategien setzen deshalb nicht mehr auf Warten, sondern auf gezielte Präsenz.

Kanzleien müssen dort sichtbar werden, wo potenzielle Bewerber ohnehin unterwegs sind. Nicht aufdringlich, nicht laut, sondern klar positioniert. Wer nur hofft, gefunden zu werden, wird übersehen.

 

Der notwendige Mindset-Shift für Kanzleiinhaber

Der entscheidende Unterschied liegt im Denken. Erfolgreiches Recruiting beginnt nicht mit einer Anzeige, sondern mit einer Haltung. Kanzleien müssen aufhören, sich als Bittsteller zu sehen – und anfangen, sich als Arbeitgebermarke zu verstehen. Nicht jede Kanzlei passt zu jedem Bewerber. Und das ist gut so.

Wer klar kommuniziert, wie gearbeitet wird, wofür man steht und wen man wirklich sucht, zieht automatisch die richtigen Menschen an. Recruiting wird so vom reaktiven Problem zur strategischen Aufgabe.

 

Fazit: Nicht der Markt ist das Problem – sondern der Ansatz

Der viel zitierte Fachkräftemangel ist oft ein Bewerbermangel im eigenen System. Gute Steuerfachkräfte sind da. Sie wollen gesehen, verstanden und ernst genommen werden. Kanzleien, die bereit sind, ihr Auftreten zu hinterfragen und neue Wege zu gehen, haben heute bessere Chancen denn je. Nicht, weil der Markt einfacher geworden ist – sondern weil sie ihn richtig nutzen.

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