Der Fachkräftemangel wird häufig als Hauptursache für unbesetzte Stellen genannt. Doch ähnlich wie im Recruiting selbst liegt das eigentliche Problem oft tiefer. Es geht nicht nur um Sichtbarkeit, Gehalt oder Benefits. Es geht um Führung.
Denn die Art, wie in einer Kanzlei geführt wird, entscheidet heute maßgeblich darüber, ob sich qualifizierte Fachkräfte angesprochen fühlen – oder innerlich Abstand nehmen.
Moderne Mitarbeiter suchen keinen Kontrolleur. Sie suchen Orientierung, Vertrauen und Entwicklung. Wer führen will wie vor zwanzig Jahren, wird morgen keine passenden Bewerber mehr gewinnen.
Führung ist ein Recruiting-Faktor
Im letzten Beitrag haben wir die Rolle des Geschäftsführers betrachtet: weg vom operativen Dauerstress, hin zur strategischen Steuerung. Genau hier entsteht die Verbindung zum Recruiting.
Eine Kanzlei, die intern stark kontrolliert, sendet diese Haltung auch nach außen. Und Bewerber spüren das. Nicht über eine explizite Formulierung in der Anzeige – sondern zwischen den Zeilen.
Wie wird über Verantwortung gesprochen? Wie stark wird auf „Fehlervermeidung“ fokussiert? Wie sehr steht Kontrolle im Vordergrund – und wie wenig Vertrauen?
Führungskultur ist kein internes Detail. Sie ist Teil der Arbeitgebermarke.
Mikromanagement: Gut gemeint, schlecht gewirkt
Viele Kanzleiinhaber kontrollieren nicht aus Misstrauen, sondern aus Verantwortungsgefühl. Mandanten verlassen sich auf korrekte Arbeit. Fehler können teuer werden. Also wird geprüft, nachgefragt, abgesichert.
Doch aus Sicherheit wird schnell Mikromanagement.
Wenn jede E-Mail gegengelesen wird. Wenn Entscheidungen ohne Rücksprache nicht getroffen werden dürfen. Wenn Mitarbeiter Aufgaben ausführen, aber nie wirklich Verantwortung übernehmen.
Für Bewerber mit Erfahrung ist das ein Warnsignal. Gute Fachkräfte wollen ihr Know-how einbringen, eigenständig arbeiten und sich entwickeln. Wer jahrelange Erfahrung mitbringt, möchte nicht dauerhaft kontrolliert, sondern ernst genommen werden.
Kontrolle mag kurzfristig Sicherheit schaffen. Langfristig verhindert sie Bindung.
Warum moderne Fachkräfte anders denken
Die Generationen, die heute den Arbeitsmarkt prägen, haben andere Erwartungen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Es geht nicht nur um Gehalt oder Urlaubstage. Es geht um Arbeitskultur.
Fachkräfte fragen sich:
- Kann ich hier eigenständig arbeiten?
- Wird mir vertraut?
- Habe ich Gestaltungsspielraum?
- Darf ich Verantwortung übernehmen – oder werde ich nur verwaltet?
Wer diese Fragen nicht positiv beantworten kann, verliert an Attraktivität. Und zwar unabhängig davon, wie gut die Vergütung ist.
Vertrauen wird damit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Kontrolle kostet mehr, als sie bringt
Mikromanagement bindet nicht nur Mitarbeiter – es bindet auch die Kanzleileitung. Zeit, die in operative Detailkontrolle fließt, fehlt für strategische Themen: Wachstum, Positionierung, Recruiting, Mandantenentwicklung.
Die Folge: Der Inhaber bleibt im Tagesgeschäft gefangen. Das Team bleibt abhängig. Entwicklung stagniert.
Moderne Führung bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben und sich zurückzulehnen. Sie bedeutet, klare Strukturen zu schaffen, Erwartungen zu definieren – und dann Vertrauen zu schenken.
Klare Prozesse ersetzen ständige Kontrolle.Transparente Standards ersetzen Unsicherheit. Regelmäßiges Feedback ersetzt permanentes Eingreifen.
Das Ergebnis: Sicherheit ohne Enge.
Führung als Signal nach außen
Recruiting funktioniert heute nicht mehr isoliert. Bewerber informieren sich, lesen zwischen den Zeilen, sprechen mit Kontakten, prüfen Bewertungen. Führung wird sichtbar – selbst wenn sie nicht explizit kommuniziert wird.
Eine Kanzlei, in der Mitarbeiter eigenständig arbeiten dürfen, strahlt Ruhe und Professionalität aus. Entscheidungen werden getroffen, Verantwortung wird getragen, Prozesse sind klar.
Eine Kanzlei, die stark kontrolliert, wirkt oft angespannt. Kommunikation ist vorsichtig. Verantwortung wird nach oben geschoben.
Diese Unterschiede sind subtil – aber spürbar.
Und genau hier entscheidet sich, welche Kanzlei als moderner Arbeitgeber wahrgenommen wird.
Vom Kontrolleur zum Gestalter
Der Wandel beginnt nicht mit einer neuen Stellenanzeige. Er beginnt bei der Haltung.
Führung heißt:
- Richtung geben statt Aufgaben verteilen.
- Erwartungen klar formulieren statt Ergebnisse nachzuprüfen.
- Entwicklung ermöglichen statt Fehler zu suchen.
Das erfordert Mut. Kontrolle fühlt sich kurzfristig sicherer an. Vertrauen ist riskanter – aber nachhaltiger.
Kanzleien, die diesen Schritt gehen, berichten häufig von einem doppelten Effekt: Die Mitarbeiterzufriedenheit steigt. Und gleichzeitig verbessert sich die Qualität der Bewerbungen.
Weil gute Fachkräfte genau diese Kultur suchen.
Fazit: Wer führen kann, gewinnt
Recruiting und Führung sind untrennbar miteinander verbunden. Wer moderne Mitarbeiter gewinnen möchte, muss moderne Führung leben.
Nicht jede Kanzlei muss hip, laut oder besonders kreativ sein. Aber jede Kanzlei sollte sich fragen: Fördern wir Eigenverantwortung – oder verhindern wir sie?
Fachkräfte entscheiden sich nicht nur für einen Arbeitsplatz. Sie entscheiden sich für eine Führungskultur.
Und genau dort beginnt der Unterschied zwischen kontrollieren – und führen.


